Die Fledermausfrau im Kindergarten

Sie kommt mit einem Rucksack. Darin befinden sich mehrere Schächtelchen mit Gummibändern zusammengehalten. Die Kinder des Waldkindergartens Rohr verfolgen gespannt, wie Ilona Bausenwein die erste Fledermaus aus einer dieser Schachteln herausschält. In ihrer Hand hält sie ein kleines braunes Etwas: Ein Kopf guckt heraus, ein kleines Mäulchen und zwei große Ohren. Diese Ohren können so gut hören, dass die Kinder sogleich gewarnt wurden, leise zu sein.

Und weil die Kinder mucksmäuschenstill sind, kommen sie auch in den seltenen Genuss, einmal über das Fell einer Fledermaus zu streichen. “Oh ist das weich”, staunen die Drei- bis Sechsjährigen. In der Tat haben Fledermäuse ein plüschig weiches Fell. “Fledermäuse putzen sich drei bis vier Stunden am Tag”, verrät die Expertin in Sachen Fledermaus. Außerdem seien die Tiere sehr verschmust. Die Weibchen einer Kolonie streicheln sich gegenseitig ausgiebig. Und so kommt das kuschelsüchtige Fledermausweibchen im Waldkindergarten auf seine Kosten. So schon einmal in gute Laune gestreichelt, zeigt “Näschen” – so der Name der Fledermausdame – bereitwillig seinen Flügel. Ziehe man eine Fledermaus einfach am Flügel, verletze man sie, so Ilona Bausenwein, und deswegen fragt sie ihr “Näschen” einfach. “Fledermäuse verstehen uns, ” erklärt Bausenwein und spricht ganz unbefangen mit dem Tier. Und in der Tat, streckt die Dame bereitwillig ihren Flügel aus, der hauchdünn wie Papier ist.

Allerhand Skurriles und wirklich Unglaubliches weiß die Fledermausfrau zu berichten, denn aus ihr spricht eine lange Erfahrung. Vor 27 Jahren begann sie, kranke Fledermäuse aufzunehmen und zu pflegen. Zur Zeit lebt sie in ihrer Tübinger Wohnung mit 61 Fledermäusen zusammen. Für viele Fledermäuse ist sie alleine die letzte Rettung. Und die kleinen Flugmeister danken es ihr mit ihrer Gesellschaft. So frühstückt Bausenwein nicht alleine, denn Nutella lieben nicht nur Menschenkinder, so braucht sie keinen Wachhund mehr, denn ihre Fledermaus-Chefin “Näschen” ist wachsam und verpasst jedem Eindringling eine Backpfeife nach der anderen, und wenn sie krank ist, nehmen ihre Mitbewohner Anteil und helfen, die Mittelohrentzündung mittels der “Ohrheizung” wieder auszukurieren.

In den Genuss letzterer kamen auch die Kindergartenkinder. Das kleinste Wärmekissen der Welt – 40 Grad und 800 Herzschläge – hielt ihnen Bausenwein an die Ohren. Auch eine schnurrende Fledermaus bekamen sie zu hören. Nur die Zwergfledermaus “King Kong” ließ sich nur ansehen, denn der kleine Winzling beißt jeden sogleich in die Nase, wenn er zu laut spricht. Als “King Kong”, Näschen” und die anderen alle wieder in ihren Kistchen sitzen, hat sich für die Anwesenden die “Fledermauswelt” grundlegend verändert . Intelligent, sozial und mit unglaublichem Gedächtnis – Bausenwein hat ihre Schützlinge ins rechte Licht gerückt.